Grußwort

zur Eröffnung des Kinder- und Jugendtheaters Kaufbeuren

„Bretter, die die Welt bedeuten.“
Es klingt wie ein Versprechen – und heute, hier in Kaufbeuren, wird dieses Versprechen Wirklichkeit.

Ich erinnere mich an einen Faschingsmontag im Jahr 1989. Wir standen – Schüler*innen einer zehnten Klasse – hinter den Kulissen unseres kleinen Schultheaters. Wir hämmerten an Kulissen, wir probten Texte, wir vergaßen die Welt und eroberten den Raum. Damals spielte es keine Rolle, ob man groß oder klein war, laut oder leise, schüchtern oder selbstbewusst, ob man gute oder schlechte Noten hatte. Auf der Bühne zählte nur eins: die Rolle, die wir mit unserem ganzen Herzen ausfüllten.

Wir ließen uns tragen von den Fähigkeiten der anderen. Wir lernten, dass Leistung viele Gesichter hat. Dass Spitzenleistung kein glänzender Einzelmoment ist, sondern ein Geschenk der Gemeinschaft. Und dass auch der kleinste Schritt nach vorne ein Applaus wert sein kann.
Wir lernten, einander zu sehen – und einander strahlen zu lassen.

Diese Erfahrungen haben mich mein ganzes Leben begleitet. Sie haben mich gehalten, wenn der Wind rauer wurde, wenn der Ton schärfer wurde, wenn die Herausforderungen größer schienen als ich selbst. Theater hat mir geholfen, Berge zu überwinden, Steine wegzuräumen, Krisen in Chancen umzuschreiben.

Als ich die Bühne zum ersten Mal betrat, war ich ein Migrantenkind – mit acht Jahren in Deutschland eingewandert, fremd und doch schon hier, schüchtern, selten eingeladen, dabei und doch am Rand.

Und dann kam die Bühne. Ich spielte Kleopatra in Max Frischs „Der chinesische Kaiser“.
Meine dunklen Haare, die Augen – plötzlich passte alles. Die Rolle passte zu mir, und ich passte zu ihr. Der Applaus am Ende klingt bis heute in mir nach. Dieses Vibrieren im Raum, die Entspannung nach der Anspannung… es war wie ein erster eigener Atemzug.
Ein Gefühl: Ich darf sein.

Von diesem Moment an schrieb das Theater meine Biografie mit.
Dieser Weg führte mich später in den Deutschen Bundestag, ins Europäische Parlament, sogar in die Generalversammlung der Vereinten Nationen. Ich stand auf Marktplätzen, in Sitzungssälen, in Verhandlungen hinter verschlossenen Türen – und immer trug mich etwas, das ich auf einer kleinen Schulbühne gelernt hatte: Verwandlung. Mut. Sprache. Gemeinschaft.

Und genau das wird von heute an hier in Kaufbeuren, auf dieser Bühne, möglich sein.
Hier werden Biografien geschrieben. Hier entstehen die ersten Funken derer, die vielleicht einmal die Welt beleuchten werden. Und es ist nichts weniger als eine Investition in eine Gesellschaft des Zusammenhalts, der Wertschätzung und des Miteinanders. Und sehnen wir uns nicht alle danach?

Theater öffnet Türen, die sonst verschlossen bleiben. Es lässt Kinder über sich hinauswachsen, lässt sie spüren: Ich kann etwas. Ich bin jemand. Ich werde gesehen.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle, auf eine kurze Geschichte zurückzugreifen:
Zwei junge Fische schwimmen des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der ihnen entgegenkommt. Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen, Jungs, wie ist das Wasser?“
Die beiden schwimmen weiter, eine Weile schweigend. Schließlich schaut der eine den anderen an und sagt: „Was zum Teufel ist Wasser?“

Die offensichtlichsten, allgegenwärtigsten, wichtigsten Tatsachen sind oft diejenigen, die am schwersten zu erkennen sind.

Was also ist Wasser?
Was macht das Leben wirklich aus?

Es sind nicht die vermeintlichen Antworten wie Geld, Macht oder Schönheit – wer ihnen hinterherläuft, wird nie genug haben. Wasser ist das, was uns trägt, ohne dass wir es immer bemerken:
Gerechtigkeit – weil niemand ausgeschlossen werden darf.
Respekt – weil Unterschiede nicht trennen, sondern bereichern.
Neugier – weil wir Fragen stellen müssen, gerade dort, wo andere wegschauen.

Das ist Wasser.
Und diese jungen Menschen – unsere Kinder und Jugendlichen – sind Gestaltende einer Zeit voller Transformation. Sie sind groß geworden in Krisen – Corona, Krieg, digitale Umbrüche – und doch haben sie gelernt, sich gegenseitig festzuhalten. Sie wissen, dass Gemeinschaft stärker ist als jede Unsicherheit. Sie wissen, dass Vielfalt ein Schatz ist. Sie wissen, dass Neugier der Motor aller Zukunft ist.

Wir, die Generation vor ihnen, können ihnen keine fertigen Antworten mehr mitgeben, weil wir selbst zum ersten Mal lernen, in dieser neuen Welt zu schwimmen.
Ja, es wird Krisen geben.
Ja, es wird Irrwege geben.
Aber an diesen Herausforderungen werden sie wachsen – wenn sie sich an dem festhalten, was sie können, und an dem, was sie verbindet.

Um diese Fähigkeit zu erwerben, brauchen wir Orte wie dieses Theater.

Orte, an denen Kinder und Jugendliche erfahren:
Was ist mein Wasser?
Worin schwimme ich?
Was trägt mich – und was trägt uns gemeinsam?

Theater beantwortet diese Fragen nicht – aber es stellt sie. Und es lässt Kinder ihre eigenen Antworten finden.

Das Theater ist ein Geschenk an die Fantasie. Es ist ein Zuhause für Neugier.
Es ist ein Übungsraum für Demokratie, Respekt und Wertschätzung.
Hier lernen Kinder, sich in andere hineinzuversetzen, ihre Welt in ihrer eigenen Sprache zu beschreiben und mutig zu träumen. Es sind diese Träume, die unsere Zukunft prägen werden.

Ich danke allen, die dieses Haus ermöglicht haben – denn Sie schenken den Kindern von Kaufbeuren nicht nur eine Bühne. Sie schenken ihnen Flügel.

Und vielleicht sitzt eines Tages jemand im Publikum, sieht ein Kind auf dieser Bühne strahlen und denkt: „Hier beginnt eine Geschichte, die die Welt verändern kann.“

Ich wünsche diesem Theater ein langes Leben, viele staunende Augen, unzählige Momente, in denen Herzen schneller schlagen – und Kindern, die hier lernen:
Ich darf sein. Ich kann wachsen. Und die Bühne gehört auch mir.