Na, wie fühlt sich das an – Abschlussklasse?
Kaum zu glauben, oder? Der Einschulungstag liegt für uns Eltern gefühlt erst gestern zurück. Wir erinnern uns noch ganz genau: Es war ein besonderer Tag – voller Vorfreude, Stolz – und ja, auch Stress. Vielleicht waren auch bei Ihnen die Großeltern dabei. An alles musste gedacht werden, auch an die Fotos – das Festhalten des Augenblicks. Und mittendrin: ein aufgeregtes, erwartungsvolles Kind.
Der erste Schritt in einen völlig neuen Lebensabschnitt. Und jetzt stehen wir wieder hier. Abschlussklasse. So erwachsen. Wie konnte das nur so schnell gehen?
Am aufgeregtesten müssten eigentlich unsere Kinder sein. Und doch – von ihnen können wir lernen, wie man entspannt bleibt.
Erlauben Sie mir, von einer kleinen Begegnung zu berichten: Neulich, in der S-Bahn. Berlin, 23:00 Uhr, mitten unter der Woche. Ich war gerade auf dem Heimweg von einer Veranstaltung, als ich zwei junge Menschen aus diesem Abschlussjahrgang traf – sie kamen vom Sport. Wir erkannten uns sofort und kamen ins Gespräch. Höflich, interessiert, neugierig – und das Beste: in ganzen Sätzen!
Ein Wort ergab das andere, und ehe wir uns versahen, steckten wir mitten in einer sachlichen, tiefgründigen Diskussion. Hätten wir noch eine halbe Stunde gehabt, hätten wir wahrscheinlich die Militärdiktatur in Myanmar beendet oder einen Plan entworfen, wie Argentinien wieder zurück in die Wertegemeinschaft der UN findet.
Ich bemerkte, wie die Mitreisenden in der noch stehenden S-Bahn ihre Ohren spitzten. Alle hörten zu. Wir hätten glatt ein Projekt beantragen können: Demokratiegespräche in der S-Bahn – als Antwort auf die Fake News unserer Zeit.
Doch – und jetzt kommt der klitzekleine Haken an der Sache: Ihr zwei, die ihr euch jetzt vielleicht wiedererkennt – ihr saßt leider in der falschen S-Bahn.
Zu eurer Verteidigung: Vielleicht saßt ihr ja in der richtigen S-Bahn – und die S-Bahn fuhr einfach in die falsche Richtung. Ja, das passiert in Berlin. Manchmal.
Meine direkte S1 vom Brandenburger Tor nach Schönholz in Pankow fuhr über den Nordbahnhof, dann: Umstieg in einen Bus – dessen Fahrtrichtung nicht zu erschließen war. Dann: Umstieg in eine sogenannte „Pendel-S-Bahn“, die ab 23:07 Uhr nicht mehr pendelte, aber dafür in eine ganz andere Richtung fuhr. Und dazwischen – ganz nebenbei – retteten wir die Welt.
Inzwischen habe ich erfahren, dass ihr am nächsten Tag eure mündlichen Prüfungen hattet. Und offensichtlich habt ihr all diese Herausforderungen mit Bravour gemeistert – denn ihr seid heute hier.
Warum ich Ihnen das erzähle? Weil das Berlin ist. Und ihr seid Berliner Kinder.
Junge Menschen, die selbst mitten im Chaos ruhig und fokussiert bleiben. Die neugierig sind, wissbegierig, und jede Herausforderung annehmen – sogar dann, wenn es eigentlich keine Lösung gibt. Ihr findet trotzdem eine.
Ihr geht Wege, die keiner kennt – und manchmal auch in die falsche Richtung, einfach weil dort der spannendere Weg wartet.
„Own the Problem“ scheint euer Motto zu sein. Und das lebt ihr – mit einer Gelassenheit, die uns Eltern oft nur ehrfürchtig staunen lässt. Darauf sind wir sehr, sehr stolz. Wirklich.
Euer Einstieg ins Gymnasium fiel mitten in die Corona-Krise. Lockdown, Schulschließungen, Online-Unterricht, Videokonferenzen. Keine echten Kontakte – und wenn, dann nur mit Maske und auf Distanz. Kein Abhängen mit Freund*innen, kein Sport in der Gruppe, keine Konflikte zum Austragen im Klassenzimmer. Alles reduziert auf einen Bildschirm. Zweidimensional.
Und ihr? Ihr seid reingesprungen wie Fische ins Wasser. Unterricht, soziale Kontakte, Freizeit, gemeinsam Netflixen, Chatten, Spielen – vieles wurde neu entdeckt. Aber es hat funktioniert – viel besser als in vielen anderen Schulen und sehr verlässlich. Dafür sind wir Eltern der Phorms sehr dankbar.
Auch wir Eltern liefen nicht gerade rund. Wir mussten ebenfalls erst „angelernt“ werden. Die Kantine – also die Küche zu Hause – hatte mittags nicht pünktlich geöffnet, das Angebot war überschaubar, und mal ehrlich: Wer will schon jeden Tag Eltern in Jogginghosen begegnen?
Und dann diese ständige, nervtötende Aufforderung zu „Spaziergängen“. Von A nach B laufen – ohne Ziel, ohne WLAN, ohne Grund. Warum eigentlich?
Wir alle saßen in der Berliner S-Bahn – sie fuhr vielleicht irgendwohin, vielleicht auch nicht, niemand wusste genau wann, wohin oder ob überhaupt. Aber ihr – ihr hattet längst euren Weg gefunden.
Als sich die Schultore nach der langen Zeit des Ausnahmezustands wieder öffneten, holte euch bereits die nächste Herausforderung ein: Die Weltlage konfrontierte euch unmittelbar mit den Folgen von Krieg, Flucht und Weltpolitik. Der Krieg war nicht mehr nur eine Nachricht in den Medien – er war in Europa, und plötzlich auch mitten unter uns.
Ihr habt ukrainische Mitschüler*innen in euren Klassen – und in der Willkommensklasse eurer Schule – in euren Reihen willkommen geheißen. Dabei wart ihr selbst gerade damit beschäftigt, wieder im mehrdimensionalen Leben anzukommen.
Homeschooling und Distanz hatten Spuren hinterlassen. Es ging darum, sich zurückzufinden – in den Klassenverband, die Schulgemeinschaft, das soziale Miteinander. Auch die kleinen Irrungen und Wirrungen des Alltags in einer Gruppe wollten neu gelernt und ausgehalten werden. Doch ihr seid dem nicht ausgewichen.
Auf Klassenfahrten habt ihr euch selbst Regeln für ein gutes Miteinander erarbeitet – weil ihr gespürt habt, dass es für alle wichtig ist.
Im Unterricht und darüber hinaus habt ihr euch eingebracht – mit Neugier und Engagement, mit eigenen Ideen. Ihr habt euch von den besonderen Fähigkeiten eurer Mitschüler*innen inspirieren lassen. Und ihr habt gemeinsam ein Klima geschaffen, in dem Leistung in all ihren Facetten wachsen konnte: Spitzenleistungen wurden anerkannt – aber auch der Einsatz, der vielleicht nicht an die Spitze führte, aber eben anstrengend war.
Jede*r von euch konnte, durfte glänzen. Frei von Neid habt ihr euch gegenseitig unterstützt und angespornt. Die Erfolge Einzelner habt ihr nicht isoliert betrachtet – ihr habt sie als Erfolge der Gruppe verstanden und wertgeschätzt.
Ihr habt gelernt, dass Leistung nichts Kaltes ist, kein einsamer Wettkampf – sondern etwas, das geteilt werden kann. Diese Fähigkeit – so wurde mir in vielen Gesprächen während der Vorbereitung auf diese Rede berichtet – ist etwas Besonderes. Etwas, das euch ausmacht.
An dieser Stelle herzlichen Dank an alle, die zum Entstehen dieser Rede beigetragen haben – Eltern wie Mitglieder der Schulgemeinschaft. Von Ihnen weiß ich: Diese Fähigkeit ist nicht selbstverständlich.
Behaltet das! Findet immer wieder heraus, was euch verbindet. Was euch trägt. Was euch – und uns alle – zusammenhält.
Erlauben Sie mir an dieser Stelle, auf eine kurze Geschichte zurückzugreifen:
Zwei junge Fische schwimmen des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen, Jungs, wie ist das Wasser?“ Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: „Was zum Teufel ist Wasser?“
Die offensichtlichsten, allgegenwärtigsten und wichtigsten Tatsachen sind oft die, die am schwersten zu erkennen sind.
Was also ist Wasser? Was macht das Leben aus? Es sind nicht die vermeintlichen Antworten wie Geld, Macht und Schönheit. Wer danach strebt, wird nie genug haben – und sich womöglich darin verlieren.
Ihr habt keine andere Wahl, als Vordenker*innen zu sein. Ihr seid inmitten von Umbrüchen aufgewachsen – und wir leben weiterhin in einer Zeit der großen Veränderungen: Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, globale Krisen, Kriege, Krankheiten.
Ihr habt die Fähigkeit, euren eigenen Weg in einer vielfältigen, sich wandelnden Welt zu finden.
Euch tragen die Werte, die unsere Gesellschaft dringend braucht:
Das ist Wasser! Das ist Wasser.
Ihr seid Gestaltende einer Transformation, einer Veränderung, für die wir – die Generation vor euch – euch weder fertige Antworten noch Erfahrungen mitgeben können, weil wir sie selbst nicht kennen.
Aber ihr habt Lehrer*innen gehabt, die euch nicht nur durch die digitale Welt und den Umgang mit KI begleitet haben – sondern auch eure NI – natürliche Intelligenz – gestärkt haben: Mitgefühl, Urteilskraft, Verantwortung, Verbindung.
Wirkliches Wissen entsteht erst, wenn Information nicht nur aufgenommen, sondern verstanden, verknüpft – und schließlich angewendet wird. Ihr habt also wirklich für das Leben gelernt – nicht nur für die Prüfungen.
Das haben Sie, liebe Lehrer*innen, auf herausragende Weise vermittelt. Vielen Dank dafür.
Sie, liebe Lehrkräfte, haben nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch immer die Persönlichkeiten mitgefördert: Durch Reisen, Theatervorführungen wie West Side Story, Modeschauen, Konzerte und Sportfeste, durch die Förderung von Eigeninitiativen wie dem Robotics Club – aber auch durch neue Formate wie UN-Planspiele oder das Duke of Edinburgh-Programm haben Sie unsere Kinder ganzheitlich gefordert und gefördert.
Ganz besonders danken möchte ich heute – stellvertretend für die ganze Schulfamilie – Herrn Purdy, der mit Empathie, Kompetenz und Wertschätzung als Oberstufenkoordinator euren Weg begleitet hat. Viele von uns Eltern hätten sich gewünscht, jemanden wie ihn in unserer eigenen Schulzeit als Lehrer gehabt zu haben.
Liebe Abschlussklasse,
mit all dem im Gepäck werdet ihr euren Weg finden. Ihr habt die Freiheit zur Selbstbestimmung. Ob Studium, Ausbildung, Gap Year oder Freiwilligendienst – womöglich aber auch ganz etwas anderes, in einem ganz anderen Land – das ist herausfordernd, aber eröffnet auch unendlich viele Chancen.
Es gibt nicht immer ein Richtig oder Falsch. Habt Vertrauen in euch.
Ja, es wird Krisen geben. An denen werdet ihr wachsen – haltet euch an dem fest, was ihr könnt. Und wenn es einmal schiefgeht, wenn ihr stolpert, zweifelt oder euch verloren fühlt – dann haltet ihr einander.
In dem, was euch verbindet – und was ihr gelernt habt. Wagt eure Schritte in diese Welt. Und wenn ihr einmal durchatmen wollt – oder meint, es geht nicht weiter – dann sind wir da. Wir, eure Eltern.
Nicht mit allen Antworten – aber mit offenem Herzen. An eurer Seite. Im selben Wasser, in dem ihr schwimmt. Versprochen!
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Vimeo. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr Informationen