6. August – Hiroshima
Als Achtjährige stand ich in Ulm zum türkischen Kinderfest am 23. April auf der Bühne und trug ein Gedicht von Nâzım Hikmet vor. Damals konnte ich die ganze Tragweite seiner Worte noch nicht erfassen. Heute, viele Jahre später, berühren sie mich mehr denn je.
Am 6. August jährt sich der Atombombenabwurf auf Hiroshima zum 81. Mal. Zehntausende Menschen starben sofort, viele weitere in den folgenden Wochen und Jahren an den Folgen der radioaktiven Strahlung. Unter ihnen waren unzählige Kinder.
Nâzım Hikmet gab einem dieser Kinder eine Stimme. In seinem Gedicht „Das Mädchen“ spricht ein siebenjähriges Kind zu den Lebenden – nicht mit Hass, sondern mit einer eindringlichen Bitte: dafür zu sorgen, dass kein Kind jemals wieder Opfer eines Krieges und erst recht keiner Atomwaffe wird.
Passend zu diesem Gedenktag habe ich das Buch „Sadako“ von Takayuki Ishii gelesen. Es erzählt die wahre Geschichte von Sadako Sasaki, die den Atombombenabwurf als Kleinkind zunächst überlebte, Jahre später jedoch an den Folgen der radioaktiven Strahlung an Leukämie erkrankte. In der Hoffnung auf Heilung begann sie, einer japanischen Legende folgend, tausend Papierkraniche zu falten. Sadako starb im Alter von nur zwölf Jahren. Ihre Geschichte bewegte Menschen in aller Welt und führte dazu, dass im Hiroshima-Friedenspark das Kinder-Friedensdenkmal errichtet wurde. Bis heute schicken Kinder aus aller Welt Millionen von Papierkranichen dorthin – als Zeichen der Hoffnung, des Friedens und der gemeinsamen Verantwortung.
Diese Botschaft hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Im Gegenteil. Erstaunlich ist, wie schnell wir in einer krisengeschüttelten Welt vergessen, was wir bereits erreicht haben. Die Bilder von Krieg, Leid und Zerstörung flimmern täglich über unsere Bildschirme. Sie drohen zum „neuen Normal“ zu werden. Zu viele schreckliche Taten – sei es in Berlin oder an vielen anderen Orten der Welt – haben uns in den vergangenen Tagen, Monaten und Jahren begleitet. Wir gewöhnen uns erschreckend schnell an Nachrichten, die uns eigentlich niemals gleichgültig werden dürften. Doch genau das dürfen wir nicht zulassen. Hiroshima erinnert uns daran, wohin Hass, Aufrüstung und die Entmenschlichung des Gegners führen können.
Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Er muss immer wieder neu errungen, geschützt und verteidigt werden – durch Dialog, Menschlichkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Das sind wir den Opfern von Hiroshima und Nagasaki schuldig. Und vor allem den Kindern von heute und morgen.