Mehr als ein Popkonzert – Was BTS über unsere Gesellschaft erzählt - #Borahae #PurpleYou

Paris gilt als die Stadt der Liebe und der Genießer. An diesem Wochenende war sie jedoch vor allem in der Hand der BTS-Fans. Was die sogenannte „ARMY“ ausmacht, war für mich eine neue Erfahrung – und vielleicht liegt genau darin ein Teil des außergewöhnlichen Erfolgs dieser Band.
Erwartet hatte ich eine kreischende Menge sehr junger Fans. Tatsächlich begegnete mir jedoch etwas ganz anderes: Menschen aus gefühlt ganz Europa, aus nahezu allen Altersgruppen, überwiegend Frauen, aber keineswegs ausschließlich. Sie waren angereist, um Teil eines gemeinsamen Erlebnisses zu sein. Für einige Tage entstand eine Gemeinschaft, die sich weniger über Herkunft oder Alter als über eine geteilte Identität definierte.
Bemerkenswert ist dabei auch die Art, wie BTS dieser Gemeinschaft begegnet. Die Professionalität ist beeindruckend. Die Band schafft eine Balance zwischen Nähe und Distanz, die vermutlich kein Zufall ist: nahbar, ohne wirklich greifbar zu sein; in der Interaktion freundlich und aufmerksam, zugleich höflich distanziert. Jeder Fan soll sich persönlich angesprochen fühlen, ohne dass die Illusion entsteht, man kenne sich tatsächlich. Diese Inszenierung beherrschen sie meisterhaft.
Über die musikalische Qualität kann und möchte ich nicht urteilen – dafür fehlt mir die Kompetenz. Interessanter erscheint mir das gesellschaftliche Phänomen dahinter. BTS verkauft nicht nur Musik, sondern ein Lebensgefühl. Im Mittelpunkt stehen Optimismus, Zugehörigkeit, gegenseitige Unterstützung, Selbstachtung und Respekt. Es ist das Versprechen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der Anerkennung und Solidarität selbstverständlich erscheinen.
Darüber ist bereits viel geschrieben und analysiert worden. Es jedoch unmittelbar zu erleben, ist etwas anderes. Erst dann wird spürbar, welche emotionale Kraft von einer solchen Gemeinschaft ausgehen kann.
Gleichzeitig erzählt dieses Phänomen auch etwas über unsere Gesellschaft. Offenbar gibt es ein verbreitetes Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach positiven Erzählungen und nach einem Ort, an dem man sich aufgehoben fühlt. In einer Zeit, in der Krisen beinahe zum Normalzustand geworden sind und viele Menschen Vereinsamung oder Orientierungslosigkeit erleben, bietet BTS für viele eine Gegenwelt – keine Flucht aus der Realität, sondern eine zeitweilige Unterbrechung der permanenten Krisenerzählung. Das Versprechen lautet: Man kann sich selbst finden, ohne allein zu sein.
Ist das ansteckend? Ja, durchaus. Nicht unbedingt wegen der Musik, sondern wegen der Atmosphäre. Wer erlebt, wie Zehntausende Menschen für ein Wochenende Rücksicht, Freundlichkeit und Gemeinschaft praktizieren, versteht zumindest ein Stück weit, warum dieses Phänomen weit über eine erfolgreiche Popband hinausreicht.