Mein Aufenthalt in Seoul führte mich gleich in zwei ganz unterschiedliche Rollen. Einerseits war ich als ehrenamtliche Englischlehrerin mit Kindern tätig und durfte den koreanischen Alltag aus nächster Nähe kennenlernen. Andererseits hatte ich die besondere Ehre, als Gastreferentin an der Seoul National University einen Vortrag über die Entwicklung der deutschen Familienpolitik zu halten.
Im Mittelpunkt meines Vortrags standen die Veränderungen der vergangenen drei Jahrzehnte sowie ein Vergleich der familienpolitischen Strategien Deutschlands und Südkoreas. Die Gespräche mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Studierenden machten deutlich, dass beide Länder trotz unterschiedlicher Ausgangslagen vor derselben zentralen Herausforderung stehen: dem demografischen Wandel und einem anhaltenden Rückgang der Geburtenzahlen.
Deutschland hat seine Familienpolitik in den vergangenen Jahren grundlegend weiterentwickelt. Neben finanziellen Leistungen wie Kindergeld und steuerlichen Freibeträgen setzt die Politik vor allem auf den Ausbau einer familienfreundlichen Infrastruktur. Elterngeld, der Ausbau der Kinderbetreuung sowie der schrittweise Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung sollen Familien dabei unterstützen, Beruf und Familie besser miteinander zu vereinbaren und die Erwerbstätigkeit beider Elternteile zu ermöglichen.
Südkorea verfolgt einen anderen Schwerpunkt. Dort konzentriert sich die Familienpolitik insbesondere auf umfangreiche finanzielle Anreize. Gerade in der Phase der Familiengründung werden Eheschließungen, die Geburt von Kindern und der Erwerb beziehungsweise die Bereitstellung familiengerechten Wohnraums erheblich unterstützt. Gleichzeitig verfügt Korea über eine sehr ausgebaute schulische Ganztagsbetreuung.
Während meines Aufenthalts konnte ich jedoch auch beobachten, dass hinter diesem Bild große Unterschiede bestehen. In dem stark leistungsorientierten Bildungssystem hängt die Qualität der Förderung häufig vom sozialen Hintergrund der Familien ab. Viele Kinder besuchen zusätzlich private Bildungseinrichtungen, während andere deutlich geringere Unterstützung erfahren. Gleichzeitig ist das Bildungsniveau insgesamt beeindruckend hoch: Südkorea gehört weltweit zu den Ländern mit den höchsten Anteilen an Hochschulabsolventinnen und -absolventen – ein Bereich, in dem Deutschland weiterhin Aufholbedarf hat.
Trotz der unterschiedlichen familienpolitischen Instrumente unterscheiden sich die Ergebnisse kaum. Die Geburtenrate liegt in Deutschland derzeit bei rund 1,35 Kindern je Frau (2024), in Südkorea bei lediglich 0,75 Kindern je Frau (2024) – dem niedrigsten Wert weltweit. Südkorea zählt rund 51,7 Millionen Einwohner, Deutschland etwa 84 Millionen. Beide Länder sehen sich mit einer alternden Gesellschaft und einem zunehmenden Fachkräftemangel konfrontiert.
Gerade dieser Vergleich wirft eine entscheidende Frage auf: Wenn sowohl ein stärker auf Infrastruktur ausgerichtetes System wie in Deutschland als auch ein System mit erheblichen finanziellen Anreizen wie in Südkorea den Geburtenrückgang nicht stoppen können – woran liegt es dann?
Die Forschung liefert darauf inzwischen recht eindeutige Antworten. Geld allein reicht ebenso wenig aus wie der Ausbau von Betreuungsangeboten. Entscheidend sind vielmehr stabile gesellschaftliche Rahmenbedingungen: sichere Beschäftigung, verlässliche Partnerschaften, eine familienfreundliche Arbeitswelt und eine gleichberechtigte Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern. Studien zeigen, dass insbesondere dort, wo Väter selbstverständlich Verantwortung für Kinderbetreuung übernehmen und Arbeitgeber familienfreundliche Arbeitsbedingungen schaffen, die Entscheidung für Kinder leichter fällt.
Warum ist diese Debatte so wichtig? Weil Familienpolitik längst weit mehr ist als Sozialpolitik. Sie entscheidet mit darüber, ob unsere sozialen Sicherungssysteme – von der Renten- über die Kranken- bis zur Pflegeversicherung – langfristig tragfähig bleiben. Sie beeinflusst, ob ausreichend gut qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung stehen und ob unsere Volkswirtschaften auch unter den Bedingungen des digitalen und technologischen Wandels wettbewerbsfähig bleiben.
Mein Fazit aus dem Austausch in Seoul lautet daher: Familienpolitik darf sich nicht auf einzelne Instrumente beschränken. Weder finanzielle Leistungen noch der Ausbau der Infrastruktur allein werden den demografischen Wandel aufhalten. Entscheidend ist eine Politik, die Lebensqualität schafft, Gleichstellung fördert, Planungssicherheit bietet und Familien im Alltag verlässlich unterstützt.
Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass die Entscheidung für ein Kind letztlich eine zutiefst persönliche ist. Sie lässt sich weder politisch verordnen noch finanziell erkaufen. Ob Menschen sich für eine Familie entscheiden, hängt nicht nur von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab, sondern ebenso von Vertrauen in die Zukunft, emotionaler Sicherheit, stabilen Partnerschaften und dem Gefühl, Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können. Diese emotionale Dimension der Familiengründung wird in politischen Debatten oft unterschätzt. Politik kann gute Voraussetzungen schaffen – die Entscheidung für Kinder treffen jedoch immer die Menschen selbst.
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